Auf einen Blick

 

1. Rahmen und Ziele

2. Zielgruppe/Anwendungsbereich

2.1. Nachhaltigkeit einer Wirtschaftstätigkeit i.S.d. EU-Taxonomie-Verordnung

2.2. Die sechs Umweltziele der EU-Taxonomie-Verordnung

2.3. Die Delegierten Rechtsakte

2.3.1. Technische Bewertungskriterien für den Gebäudesektor

2.3.1.1. Umweltziel Klimaschutz: Technische Bewertungskriterien

2.3.1.2. Umweltziel Anpassung an den Klimawandel (climate change adaptation): Technische Bewertungskriterien

2.3.2. Umweltziel Klimaschutz (climate change mitigation): Do no significant harm-Kriterien

2.3.3. Umweltziel Anpassung an den Klimawandel (climate change adaptation): Do no significant harm-Kriterien

2.3.4. Beispiel Umweltziel Klimaschutz: Technische Bewertungskriterien + Do no significant harm-Kriterien

 

1. Rahmen und Ziele

Die am 18. Juni 2020 im EU-Amtsblatt veröffentlichte und am 12. Juli 2020 in Kraft getretene Verordnung (EU) 2020/852 des Europäischen Parlaments und des Rates über die Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen und zur Änderung der VO (EU) 2019/2088, kurz EU-Taxonomie-Verordnung, ist ein zentraler Bestandteil des im Jahre 2018 veröffentlichten EU-Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. Dieser sieht vor, Kapital in nachhaltige Investitionen zu lenken und damit zum Hauptziel des EU Green Deal beizutragen, bis 2050 in der EU keine Netto-Treibhausgasemissionen freizusetzen und damit den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens zur Bekämpfung des Klimawandels gerecht zu werden.

Die EU-Taxonomie-Verordnung klassifiziert Wirtschaftstätigkeiten (economic activities) und legt fest, wann diese ökologisch nachhaltig sind. Sie dient somit als Leitlinie für Investoren hinsichtlich der ökologischen Nachhaltigkeit bei der Finanzierung von Wirtschaftstätigkeiten.

2. Zielgruppe und Anwendungsbereich

Die EU-Taxonomie-Verordnung richtet sich an Finanzmarktteilnehmer, wie Wertpapierfirmen oder alternative Investmentfonds, Unternehmen mit bestimmten Offenlegungspflichten (z.B gem. CSR-Richtlinie) und von der EU oder einzelnen verabschiedeten Maßnahmen zur Festlegung von Anforderungen an Finanzmarktteilnehmer oder Emittenten in Bezug auf Finanzprodukte oder Unternehmensanleihen, die als „ökologisch nachhaltig“ bereitgestellt werden (z.B. EU Green Bond Standard).

Da die Definition eines Finanzprodukts im Sinne der Verordnung nicht das klassische Immobilienfinanzierungs- und Pfandbriefgeschäft erfasst, fallen weder das Kreditgeschäft noch Pfandbriefemissionen unter die Taxonomie-Verordnung. Jedoch sind Pfandbriefbanken betroffen, wenn sie als Unternehmen in den Anwendungsbereich der CSR-Richtlinie fallen, da sie nach Artikel 8 der Taxonomie-Verordnung in ihrer nicht-finanziellen Erklärung Angaben darüber machen müssen, wie und in welchem Umfang ihre Wirtschaftstätigkeiten als ökologisch nachhaltig im Sinne der Taxonomie einzustufen sind.

Gleichwohl können die Taxonomie-Kriterien freiwillig angewendet werden, z.B. mit Blick auf Green Bonds, für die das Label Green Bond Standard angestrebt wird (Das Label wird für Juni 2021 erwartet und wird vermutlich eine 100%-Taxonomie-Konformität für die (re-)finanzierten Assets verlangen).

2.1. Nachhaltigkeit einer Wirtschaftstätigkeit i.S.d. EU-Taxonomie-Verordnung

Quelle: vdp

2.2. Die sechs Umweltziele der EU-Taxonomie-Verordnung

In der Verordnung werden die u.a. sechs Umweltziele (environmental objectives) definiert. Wirtschaftstätigkeiten sind als nachhaltig im Sinne der Taxonomie einzustufen, wenn sie einen wesentlichen Beitrag zu einem dieser in Art 9 der Taxonomie-Verordnung definierten Umweltziele leisten.

 

Quelle: vdp

2.3. Die Delegierten Rechtsakte

Für jedes der 6 Umweltziele erlässt die Kommission zusätzlich Delegierte Rechtsakte, in denen technische Bewertungskriterien (screening criteria) konkretisiert werden, mit denen festgestellt werden kann, ob eine Wirtschaftstätigkeit taxonomiekonform ist, sie also einen wesentlichen Beitrag zu einem der sechs Umweltziele leistet und gleichzeitig kein anderes Umweltziel erheblich beeinträchtigt wird (Do no significant harm- Vorgaben).

Für die Umweltziele „Klimaschutz“ (climate change mitigation) und „Anpassung an den Klimawandel“ (climate change adaptation) hat die Kommission am 21. April 2021 einen Delegierten Rechtsakt veröffentlicht.

2.3.1. Technische Bewertungskriterien für den Gebäudesektor

Für den Gebäudesektor wird im Rechtsakt zwischen folgenden Wirtschaftstätigkeiten unterschieden:  

  • Neubau (Construction of new buildings)
  • Sanierung (Renovation)
  • Einzelmaßnahmen
  • Erwerb von Bestandsimmobilien (Acquistion and ownership of buildings)

Die Europäische Kommission hat auf ihrer Website einen sogenannten Taxonomy Compass zur EU-Taxonomieverordnung veröffentlicht. Ermöglicht wird eine übersichtliche Navigation durch die einzelnen Bewertungs- und Do no significant harm-Kriterien für die jeweiligen Wirtschaftstätigkeiten gemäß delegiertem Rechtsakt zu den Umweltzielen Klimaschutz (climate change mitigation) und Anpassung an den Klimawandel (climate change adaptation).

2.3.1.1. Umweltziel Klimaschutz: Technische Bewertungskriterien

Die Bewertungskriterien für das Umweltziel “Klimaschutz“ in Bezug auf den Gebäudesektor lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Quelle: vdp

Für den Neubau sieht der Rechtsakt in Bezug auf das Umweltziel Klimaschutz vor, dass Gebäude einen Primärenergiebedarf aufweisen, der mind. 10 % unter dem nationalen Standard für Niedrigstenergiegebäude (NZEB) liegt. In Deutschland sind entsprechende Vorgaben im Gebäudeenergiegesetz enthalten. Für den Wohngebäudebereich in Deutschland würden aktuell KfW 55-Häuser die Vorgabe erfüllen. Für Gebäude mit einer Fläche von mehr als 5.000 m² sind zusätzlich Luftdichtigkeitstests, Tests der thermischen Integrität oder entsprechende, nachvollziehbare Qualitätsprozesse währende Bauphase und eine Lebenszyklusbetrachtung über den Treibhausgasausstoß durchzuführen.

Umfassende Sanierungen/Renovierungen müssen gemäß Rechtsakt eine Einsparung von mind. 30 % in Bezug auf den Primärenergiebedarf realisieren oder die Erfüllung der gesetzl. Vorgaben für umfassende Sanierungen (major renovation) gewährleisten.

Beim Erwerb von Bestandsimmobilien für Gebäude, die vor dem 31. Dezember 2020 gebaut wurden, sieht der Rechtsakt vor, dass Gebäude eine Energieeffizienzklasse A laut Energieausweis vorweisen oder der Nachweis erbracht wird, dass das Gebäude zu den TOP 15 % in Bezug auf den Primärenergiebedarf des nationalen/regionalen Gebäudebestands gehört. Bei der Erhebung soll zwischen Wohn- und Nichtwohngebäuden differenziert werden.
Für alle nach dem 31. Dezember 2020 gebauten Gebäude gelten die Kriterien für den Neubau. Für größere Nichtwohngebäude (Klima- und Heizungsanlagen mit einer Nennleistung von mehr als 290 kW) ist zudem der Einsatz von Energiemanagementsystemen nachzuweisen. Zusätzlich müssen die entsprechenden DNSH-Kriterien eingehalten werden (siehe Abschnitt 2.3.2)

2.3.1.2. Umweltziel Anpassung an den Klimawandel (climate change adaptation): Technische Bewertungskriterien

Die Bewertungskriterien für das Umweltziel “Anpassung an den Klimawandel“ in Bezug auf den Gebäudesektor lassen sich wie folgt zusammenfassen: Zusätzlich müssen die entsprechenden DNSH-Kriterien eingehalten werden (siehe Abschnitt 2.3.3).

Quelle: vdp

2.3.2. Umweltziel Klimaschutz (climate change mitigation): Do no significant harm-Kriterien

Taxonomiekonformität bedeutet, dass eine Wirtschaftstätigkeit, einen wesentlichen Beitrag zu einem der sechs Umweltziele leistet. Hierfür müssen die zuvor genannten technischen Bewertungskriterien erfüllt sein. Zusätzlich darf keine erhebliche Beeinträchtigung (Do no significant harm) eines der sechs anderen Umweltziele stattfinden. Hierfür weist der delegierte Rechtsakt ebenfalls entsprechende Kriterien aus. Für das Umweltziel „Klimaschutz“ bedeutet das in Bezug auf die anderen fünf Umweltziele für den Gebäudesektor:

Quelle: vdp

2.3.3. Umweltziel Anpassung an den Klimawandel (climate change adaptation): Do no significant harm-Kriterien

In Bezug auf das Umweltziel „Anpassung an den Klimawandel“ müssen folgende Kriterien erfüllt sein, um eine wesentliche Beeinträchtigung der anderen 5 Umweltziele auszuschließen:

Quelle: vdp

2.3.4. Beispiel Umweltziel Klimaschutz: Technische Bewertungskriterien + Do no significant harm-Kriterien

Zur Erfüllung des Umweltziels „Klimaschutz“ im Bereich „Neubau“ muss beispielsweise neben der Erfüllung des technischen Bewertungskriteriums „NZEB minus 10 Prozent“ (s.o.) zur Erfüllung der DNSH-Kriterien in Bezug auf die anderen fünf Umweltziele also folgendes (Aufzählung nicht abschließend) nachgewiesen werden:

Quelle: vdp